Das erste eigene Gehalt. Der erste Mietvertrag. Das erste Auto. Ein Handyvertrag, eine Versicherung oder die Möglichkeit, einen Einkauf erst später zu bezahlen.
Viele finanzielle Entscheidungen beginnen nicht irgendwann weit im Erwachsenenleben.
Sie kommen oft schon kurz nach der Schule.
Trotzdem verlassen Jugendliche die Schule häufig, ohne sich zuvor ausführlich mit ihrem eigenen finanziellen Alltag beschäftigt zu haben.
Dabei geht es bei Finanzbildung gar nicht darum, aus Schülerinnen und Schülern kleine Finanzexperten zu machen.
Es geht um ganz grundlegende Fragen:
Wie viel Geld habe ich tatsächlich zur Verfügung?
Welche Ausgaben kann ich mir leisten?
Was unterschreibe ich eigentlich bei einem Vertrag?
Warum sollte ich Geld zurücklegen?
Und wo bekomme ich verlässliche Informationen, wenn ich eine finanzielle Entscheidung treffen muss?
Genau diese Fähigkeiten können später einen großen Unterschied machen.
Jugendliche wünschen sich mehr Finanzwissen in der Schule
Der Wunsch danach kommt nicht allein von Eltern, Lehrkräften oder Finanzbildungseinrichtungen.
Auch viele junge Menschen selbst sagen, dass sie in der Schule gern mehr über Geld und Wirtschaft lernen würden.
In der Jugendstudie 2024 des Bankenverbands gaben 80 Prozent der befragten 14- bis 24-Jährigen an, in der Schule wenig oder nahezu nichts über Wirtschaft und Finanzen gelernt zu haben.
Gleichzeitig wünschen sich 92 Prozent mehr Wirtschafts- und Finanzwissen im Unterricht.
Besonders häufig genannt wurden der Umgang mit Geld, Altersvorsorge und das Finanzsystem.
Auch eine Analyse der OECD zur Finanzbildung in Deutschland kommt zu einem ähnlichen Bild. Dort wird berichtet, dass sich unter den 14- bis 24-Jährigen 87 Prozent Unterricht zum Umgang mit Geld, 81 Prozent Informationen zur Altersvorsorge und 73 Prozent Wissen über Geldanlage wünschen.
Das zeigt vor allem eines:
Jugendliche haben durchaus Interesse an Finanzthemen. Die Frage ist eher, wann und wie sie damit in Kontakt kommen.
1. Das erste Gehalt verstehen
Auf einem Arbeitsvertrag steht zum Beispiel:
2.500 Euro brutto.
Auf dem Konto landen später aber deutlich weniger.
Wer nie gelernt hat, was Brutto und Netto bedeuten, erlebt spätestens mit der ersten Gehaltsabrechnung eine Überraschung.
Jugendliche sollten deshalb verstehen, dass vom Bruttogehalt unter anderem Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgezogen werden.
Dabei geht es zunächst nicht darum, jede einzelne Abgabe berechnen zu können.
Die grundlegende Erkenntnis reicht:
Mein Bruttogehalt ist nicht der Betrag, den ich jeden Monat ausgeben kann.
Von dort aus lassen sich viele weitere Themen erklären, etwa Krankenversicherung, Rentenversicherung oder Steuern.
2. Einen eigenen Monat planen können
Nehmen wir an, nach allen Abzügen stehen monatlich 2.000 Euro zur Verfügung.
Das klingt zunächst nach viel Geld.
Dann kommen die Ausgaben:
Miete und Nebenkosten.
Strom.
Lebensmittel.
Internet und Smartphone.
Mobilität.
Versicherungen.
Freizeit.
Kleidung.
Und manchmal Dinge, mit denen niemand gerechnet hat.
Genau an diesem Punkt wird Finanzbildung praktisch.
Ein Haushaltsplan muss kein kompliziertes Tabellenwerk sein.
Die zentrale Frage lautet:
Was kommt jeden Monat herein und was geht wieder heraus?
Wer seine regelmäßigen Ausgaben kennt, kann wesentlich besser beurteilen, wie viel Geld tatsächlich frei verfügbar ist.
Jugendliche sollten deshalb früh lernen, zwischen festen Ausgaben, veränderlichen Ausgaben und freiwilligen Ausgaben zu unterscheiden.
3. Zwischen „brauche ich“ und „möchte ich“ unterscheiden
Finanzielle Entscheidungen sind selten vollkommen richtig oder falsch.
Für den einen ist ein Auto notwendig, für den anderen nicht.
Der eine gibt viel Geld für Sport aus, die andere reist lieber.
Finanzbildung sollte deshalb nicht vorschreiben, wofür Menschen ihr Geld ausgeben dürfen.
Sie sollte helfen, Prioritäten zu setzen.
Eine einfache Frage kann dabei erstaunlich hilfreich sein:
Brauche ich das gerade oder möchte ich es haben?
Beides ist erlaubt.
Aber die Antwort verändert die Entscheidung.
Wer diese Unterscheidung versteht, kann bewusster mit seinem Geld umgehen, ohne dass jeder Kinobesuch oder jedes neue Paar Schuhe zum finanziellen Fehler erklärt werden muss.
4. Verträge verstehen, bevor man unterschreibt
Mit dem Erwachsenwerden nehmen auch die Verträge zu.
Handyvertrag.
Fitnessstudio.
Streamingdienste.
Mietvertrag.
Versicherungen.
Finanzierungen.
Abonnements.
Viele davon lassen sich innerhalb weniger Minuten online abschließen.
Jugendliche sollten deshalb wissen, dass ein Vertrag mehr ist als ein Klick auf einen Button.
Dazu gehören Fragen wie:
Wie lange läuft der Vertrag?
Welche Kosten entstehen?
Verlängert er sich automatisch?
Welche Kündigungsfristen gelten?
Welche Leistungen bekomme ich überhaupt?
Gerade bei monatlich kleinen Beträgen verliert man leicht den Überblick. Fünf oder sechs Abonnements wirken einzeln harmlos, zusammen können sie einen spürbaren Teil des monatlichen Budgets ausmachen.
5. Ratenkäufe und „Später bezahlen“ einordnen
Heute kaufen, später bezahlen klingt bequem.
Das Problem entsteht, wenn mehrere solcher Zahlungen gleichzeitig laufen.
Die OECD verweist in ihrem Bericht zur Finanzbildung in Deutschland darauf, dass solche Zahlungsmodelle bei jungen Menschen bereits stark verbreitet sind. Nach den dort ausgewerteten Daten hatten 44 Prozent der 16- bis 25-Jährigen bereits Buy-now-pay-later-Angebote genutzt, selbst unter den 16- und 17-Jährigen waren es 38 Prozent.
Interessant ist dabei: Viele junge Menschen kennen die Risiken durchaus. In den von der OECD aufgegriffenen Befragungsdaten hielten 90 Prozent es für leicht, bei solchen Angeboten den Überblick über die Ausgaben zu verlieren.
Deshalb sollte im Unterricht nicht einfach vermittelt werden:
Ratenkauf ist schlecht.
Viel hilfreicher sind Fragen wie:
Was kostet mich der Kauf insgesamt?
Welche zukünftigen Einnahmen habe ich bereits verplant?
Was passiert, wenn mehrere Raten gleichzeitig fällig werden?
Und könnte ich den Kauf auch bezahlen, wenn in diesem Monat etwas Unerwartetes passiert?
6. Wissen, wofür Versicherungen da sind
Versicherungen gehören zu den Themen, die für Jugendliche schnell trocken wirken können.
Dabei ist die Grundidee relativ einfach:
Eine Versicherung soll ein finanzielles Risiko abfangen, das man selbst nur schwer oder gar nicht tragen könnte.
Jugendliche müssen deshalb nicht sämtliche Versicherungsprodukte kennen.
Sie sollten verstehen, dass Risiken unterschiedlich groß sind und deshalb auch unterschiedlich abgesichert werden müssen.
Warum kann eine private Haftpflichtversicherung sehr relevant sein?
Welche Versicherungen bestehen vielleicht noch über die Eltern?
Welche Absicherungen werden erst später interessant?
Und warum ist nicht jede Versicherung automatisch sinnvoll?
Wer diese Grundlogik verstanden hat, kann spätere Angebote wesentlich besser einordnen.
7. Eine Rücklage aufbauen
Ein kaputtes Smartphone.
Eine Autoreparatur.
Eine unerwartete Rechnung.
Die erste eigene Wohnung benötigt plötzlich etwas, das vorher niemand eingeplant hatte.
Ungeplante Ausgaben gehören zum Leben.
Deshalb gehört auch das Thema Rücklagen zur Finanzbildung.
Jugendliche sollten verstehen, warum es sinnvoll sein kann, einen Teil des Einkommens nicht sofort zu verplanen.
Dabei muss niemand direkt mit großen Beträgen starten.
Die Fähigkeit, regelmäßig etwas zurückzulegen und einen finanziellen Puffer aufzubauen, ist zunächst wichtiger als die perfekte Sparrate.
8. Geldanlage erst verstehen, dann entscheiden
Aktien, ETFs, Kryptowährungen und andere Geldanlagen sind durch soziale Medien für Jugendliche viel sichtbarer geworden.
Das kann Interesse an Finanzthemen wecken.
Es kann aber auch den Eindruck vermitteln, Geldanlage bestehe hauptsächlich daraus, schnell das richtige Investment zu finden.
Finanzbildung sollte deshalb vorher beginnen.
Was bedeutet Risiko?
Warum schwanken Preise?
Warum unterscheiden sich Sparen und Investieren?
Was bedeutet eine breite Streuung?
Und warum sollte Geld, das kurzfristig benötigt wird, anders behandelt werden als langfristig angelegtes Geld?
Erst wenn diese Grundlagen verstanden werden, ergibt es Sinn, über konkrete Anlageformen zu sprechen.
Finanzbildung bedeutet, selbst entscheiden zu können
Unser Ziel bei der Finance Academy e. V. ist nicht, Jugendlichen vorzugeben, wie sie ihr Geld ausgeben, sparen oder anlegen sollen.
Wir möchten ihnen Werkzeuge geben, mit denen sie eigene Entscheidungen treffen können.
Deshalb arbeiten wir in unseren Seminaren mit praktischen Situationen.
Die Jugendlichen bekommen beispielsweise ein Einkommen und verschiedene Ausgaben.
Dann müssen sie selbst entscheiden:
Was muss bezahlt werden?
Was möchte ich mir leisten?
Welche Ausgaben kann ich verändern?
Wie viel bleibt übrig?
Und was passiert, wenn plötzlich eine zusätzliche Rechnung auftaucht?
Aus einer theoretischen Definition wird dadurch eine reale Entscheidung.
Genau das macht Finanzbildung für Jugendliche greifbar.
Schule kann einen gemeinsamen Ausgangspunkt schaffen
Finanzwissen wird häufig innerhalb der Familie weitergegeben.
Das funktioniert aber nur, wenn zu Hause über Geld gesprochen wird und entsprechende Kenntnisse vorhanden sind.
Die OECD weist darauf hin, dass es in Deutschland weiterhin nur begrenzte systematische Daten zur Finanzkompetenz junger Menschen gibt. Die vorhandenen Untersuchungen liefern zugleich Hinweise darauf, dass Jugendliche in Regionen mit stärkerer wirtschaftlicher und finanzieller Bildung in der Schule bei Tests zur Kreditkompetenz besser abschneiden.
Schule bietet dabei einen besonderen Vorteil:
Sie erreicht Jugendliche unabhängig davon, wie viel zu Hause über Geld gesprochen wird.
Genau deshalb gehört aus unserer Sicht finanzielle Grundbildung in den schulischen Alltag.
Nicht als Verkaufsveranstaltung.
Nicht als Werbung für bestimmte Finanzprodukte.
Sondern als Vorbereitung auf Entscheidungen, die Jugendliche ohnehin treffen werden.
Was sollte am Ende hängen bleiben?
Ein junger Mensch muss beim Schulabschluss nicht erklären können, wie jedes Finanzprodukt funktioniert.
Aber er sollte einige Fragen beantworten können:
Wie viel Geld steht mir tatsächlich zur Verfügung?
Welche festen Ausgaben habe ich?
Kann ich mir einen Vertrag langfristig leisten?
Welche Folgen haben Schulden und Ratenzahlungen?
Warum brauche ich eine Rücklage?
Welche finanziellen Risiken sollte ich absichern?
Wo finde ich verlässliche Informationen, bevor ich eine Entscheidung treffe?
Wenn Jugendliche diese Fragen für sich beantworten können, ist bereits viel erreicht.
Denn gute Finanzbildung zeigt sich nicht daran, wie viele Fachbegriffe jemand kennt.
Sie zeigt sich dann, wenn ein junger Mensch vor einer finanziellen Entscheidung kurz innehält, rechnet, Informationen prüft und anschließend selbst entscheidet.
Finance Academy e. V.: Finanzbildung direkt an Schulen
Mit unseren Schulprojekten möchten wir Jugendlichen genau diese Grundlagen vermitteln.
Praxisnah, verständlich und ohne Produktverkauf.
Unsere Unterrichtseinheiten beschäftigen sich unter anderem mit:
• dem ersten eigenen Einkommen
• Brutto und Netto
• Einnahmen und Ausgaben
• Haushaltsplanung
• Versicherungen
• Verträgen und Ratenkäufen
• Schulden
• Sparen und Rücklagen
• Grundlagen der Geldanlage
Sie möchten die Finance Academy e. V. an Ihre Schule holen oder unser Projekt unterstützen?
Dann nehmen Sie gern Kontakt mit uns auf.
Gemeinsam können wir dazu beitragen, dass Jugendliche ihre ersten finanziellen Entscheidungen mit mehr Wissen und Sicherheit treffen.
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